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Palästina im 20 Jahrhundert

Die zionistischen Einwanderer mit ihrer Sehnsucht nach Errichtung einer jüdischen nationalen Heimstatt trafen auf eine bereits in Palästina lebende arabische Bevölkerung, deren Natio-nalgefühl, parallel zu jenem der Juden, ebenfalls erwachte. Dies war historisch bedingt. Von 1517 bis 1917 war der Landstrich Palästina Teil des Osmanischen Reiches. Unter dem perma-nenten Druck der türkischen Besatzung erlangte der arabische Nationalismus während des Ersten Weltkrieges seine Breitenwirkung. So beteiligten sich die arabischen Hedschas-Stämme 1916 unter Führung des legendären britischen Oberst Thomas E. Lawrence am Kampf der Briten gegen die türkische Herrschaft. 1915 hatte der britische Hochkommissar in Ägypten McMahon dem Großscherif Hussein Ibn Ali von Mekka brieflich zugesichert, nach Kriegsende und der Niederlage der Türken ein unabhängiges Großarabisches Reich mit Palästina unter Führung Husseins zu errichten.

Doch die arabischen Hoffnungen auf Unabhängigkeit und politische Selbstbestimmung wur-den nach dem Zusammenbruch des Türkischen Reiches durch die Politik der Großmächte England und Frankreich jäh zerstört. Beide Mächte errichteten zwischen den Weltkriegen im Nahen Osten eine neue Fremdherrschaft und unterdrückten die Freiheitsbestrebungen der arabischen Völker. Grundlage dieser Politik war das bereits 1916 zwischen Großbritannien und Frankreich abgeschlossene und nach den beiden Unterhändlern benannte geheime Sykes-Picot-Abkommen, in dem die beiden Mächte die Region nach Interessensphären unter sich aufgeteilt hatten. Parallel zu dieser Entwicklung erhielt auch der jüdische Nationalismus Auf-wind. Denn am 2.November 1917 hatte die britische Regierung in der sogenannten Balfour-Deklaration, benannt nach ihrem Außenminister Arthur James Balfour, auch denVertretern des zionistischen Judentums dieErrichtung einer jüdischen "nationalen Heimstätte" in Palästina versprochen.

Aus dieser schwankenden und doppelzüngigen Politik, vor allem der britischen Regierung, resultiert in erheblichem Maße die heutige israelisch-arabisch-palästinensische Problematik. (siehe Balfour Erklärung und britisches Weißbuch). Denn beiden Seiten wurden Versprechun-gen gemacht, die nicht oder nur zu einem Teil erfüllt wurden. So gesehen tragen beide Par-teien bis heute an den Folgen der kolonial-imperialistischen Epoche des 19. und frühen 20. Jahrhunderts.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Palästina unter britisches Völkerbundmandat gestellt, und im Sinne des Sykes-Picot-Abkommens wurden Libanon und Syrien französisches Mandatsge-biet. Großbritanniens ursprüngliches Mandatsgebiet in Palästina umfaßte auch Transjorda-nien. Am 3.Januar 1919 kamen der Vertreter der zionistischen Führung Chaim Weizmann und Emir Feisal, Sohn des Scherifs Hussein und arabischer Hauptdelegierter bei der Pariser Frie-denskonferenz, zu einer Übereinkunft, in der die Balfour-Erklärung bekräftigt und die Schaffung einer "jüdischen Heimstätte" in Palästina von Emir Feisal anerkannt wurde. Der geplante arabi-sche Staat würde mit dem zukünftigen jüdischen Staat zwecks Entwicklung des Nahen Ostens zusammenarbeiten. Vorbedingung war allerdings, daß Großbritannien und Frankreich ihr Ver-sprechen gegenüber den Arabern einhielten.

Nachdem Emir Abdullah, älterer Bruder Emir Feisals und Großvater des heutigen jordanischen Königs Hussein, den östlichen Teil des Mandatsgebiets Palästina - Transjordanien - 1921 mit seinen Beduinenkämpfern besetzt hatte, wurde er als Herrscher dieses Teils Palästinas vom damaligen britischen Kolonialminister Winston Churchill anerkannt. 1922 teilte Churchill das Mandatsgebiet und errichtete ein autonomes Emirat in Transjordanien. Zwischen 1920 und 1948 wurde das Gebiet Palästinas von Großbritannien verwaltet.

Die Araber sahen sich in ihren nationalen Hoffnungen enttäuscht und unternahmen schon in den Jahren 1920/21 erste Überfälle auf jüdische Siedlungen. In den folgenden Jahren traten die Spannungen zwischen Juden und Arabern in wellenförmigen Bewegungen mit unter-schiedlicher Intensität immer wieder zutage; zumal im Sinne der Balfour-Erklärung nach dem Ersten Weltkrieg eine verstärkte jüdische Einwanderung nach Palästina eingesetzt hatte. Bei-de Konfliktparteien beanspruchten das Land: Für die einen war es das arabische Land Paläs-tina, für die anderen Eretz Israel, das Land Israel.

Die Zusammenstöße in den 20er und 30er Jahren gipfelten 1929 in einem Massaker der arabi-schen Bevölkerung an den Juden von Hebron und von 1936 bis 1939 im Großen Arabischen Aufstand, den der Großmufti von Jerusalem, al-Husseini, gleichermaßen gegen die Juden wie die Mandatsmacht Großbritannien inszenierte. Britische Truppen und zum Teil jüdische Vertei-digungseinheiten schlugen den Aufstand nieder. Im Bericht einer britischen Regierungskom-mission wurde 1937 erstmals der Gedanke einer Teilung des Landes in einen jüdischen und einen arabischen Teil geäußert. Die arabische Seite lehnte jedoch diese Vorstellung katego-risch ab. Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs (1939) änderte Großbritannien aus strategisch-taktischen Gründen seine bis dahin eher pro-jüdische Politik zugunsten einer deutlich pro-arabischen Orientierung. Nachdem unter arabischem Druck schon vorher die Zahl jüdischer Einwanderer gesenkt worden war, begrenzte die britische Regierung in einem "Weißbuch" 1939 die jüdische Einwanderung nach Palästina auf 5000 Menschen innerhalb der nächsten fünf Jahre. Nach diesen fünf Jahren sollte keine jüdische Einwanderung ohne Zustimmung der Araber erfolgen. Aufgabe der britischen Soldaten in Palästina war es Schiffe mit Einwanderern aufzuhalten und die Juden zurückzuschicken oder sie in Lagern auf Zypern unterzubringen.

Zwischen 1940 und 1948 gelang es jüdischen Untergrundorganisationen (Haganah, Ezel ) fast 100000 Einwanderer nach Palästina einzuschleusen. Die wachsende Zahl von Neusiedlern, die immer mehr Grundbesitz kauften, gerieten in diesen Jahren in immer härtere Auseinanderset-zungen mit den eingesessenen Arabern, die um ihre Rechte und Vorrechte bangten.

Erst 1942 wurden sich die Juden in Palästina des Ausmaßes der Judenverfolgungen und der beginnenden Massenvernichtung bewußt. Bei einer Konferenz amerikanischer Zionisten in New York 1942 forderte Ben Gurion, der Vorsitzende der "Jewish Agency for Palestine", daher die Errichtung eines jüdischen Staatswesens in Palästina, sobald der Zweite Weltkrieg beendet sei.

Das Schiff Exodus 1947 wurde ein Symbol für Aliya Bet - die illegale Immigration. Nach dem 2. Weltkrieg wuchs die illegale Immigration und die britische Mandatsmacht entschied sie zu stoppen indem die Schiffe der illegalen Einwanderer zurück zu ihren Abfahrtshäfen schickte. Das erste Schiff auf das diese Politik angewendet werden sollte war die Exodus. Das Schiff fuhr von dem Hafen Site, in der Nähe von Marseille am 11. Juli 1947 mit 4.515 Einwanderern, dar-unter 655 Kindern an Bord los. Sobald es das französische Hoheitsgebiet verlassen hatte wurde es von britischen Zerstörern begleitet. Am 18. Juli wurde das Schiff in der nähe der Küste von Palästina von einem der britischen Zerstörer gerammt und geentert, während die Einwande-rer sich in einem verzweifelten Versuch verteidigten. Zwei Immigranten und ein Mitglied der Mannschaft wurden in dem Kampf getötet, weitere 30 verletzt. Das Schiff wurde in den Hafen von Haifa geschleppt, wo die Immigranten auf englische Schiffe verladen wurden, die Sie nach Südfrankreich zurückbringen sollten. In dem Südfranzösischen Hafen Port-de-Bouc wei-gerten sich die jüdischen Immigranten von Bord der Schiffe zu gehen. Auch die französische Regierung weigerte sich die Flüchtlinge gewaltsam von Bord zu bringen. Daraufhin entschie-den die Briten die jüdischen Einwanderer zurück nach Deutschland in die britische besetze Zone zu bringen. Journalisten berichteten der ganzen Welt von der Herzlosigkeit der Englän-der, woraufhin diese ihre Politik änderte und die illegalen Einwanderer nach Zypern deportier-te. Über die Geschichte der Exodus, sowie die Geschichte der Juden in Europa und die Staatsgründung Israels schrieb Leon Uris im Jahre 1958 den sehr lesenswerten Bestseller "Exo-dus".

Die äußerst restriktive Einwanderungspolitik der britische Regierung nach Kriegsende führte dazu, daß auch die Überlebenden des Holocaust nicht nach Israel einreisen durften. Unter dem Druck des sich dadurch verschärfenden Untergrundkampfes jüdischer Siedler und auf-grund der immer schwerer zu tragenden Bürde einer Kolonialmacht gab Großbritannien zwei Jahre nach Kriegsende das Palästinamandat an die UNO zurück in der Erwartung, erneut als Verwalter einer UN-Treuhänderschaft ernannt zu werden. Eine UN-Sonderkommission empfahl im Mai 1947 nach einer Reise durch Palästina die Beendigung des Mandats, den Abzug der britischen Truppen und die Teilung Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Staat. Während die jüdische Führung dem Plan zustimmte, lehnten die Araber den Vorschlag ab. Am 29. November 1947 stimmte die UN-Vollversammlung für die Teilung Palästinas, angeführt von den beiden führenden Mächten USA und Sowjetunion, die die Gründung eines jüdischen Staates unter dem Eindruck des Zweiten Weltkrieges und des Holocaust unterstützten.

Balfour-Deklaration

Ministerium des Äußeren, 2.11.1917

Mein lieber Lord Rothschild!

Zu meiner großen Genugtuung übermittle ich Ihnen namens S. M. Regierung die folgende Sympathie-Erklärung mit den jüdisch-zionistischen Bestrebungen, die vom Kabinett geprüft und gebilligt worden ist:
Seiner Majestät Regierung betrachtet die Schaffung einer nationalen Heimstätte in Palästina für das jüdische Volk mit Wohlwollen und wird die größten Anstrengungen machen, um die Erreichung dieses Zieles zu erleichtern, wobei klar verstanden werde, daß nichts getan wer-den soll, was die bürgerlichen und religiösen Rechte bestehender nichtjüdischer Gemein-schaften in Palästina oder die Rechte und die politische Stellung der Juden in irgendeinem anderen Lande beeinträchtigen könnte.

Ich bitte Sie, diese Erklärung zur Kenntnis der zionistischen Föderation zu bringen.
gez.: James Balfour

Britisches Weißbuch

17. Mai 1939 (Auszüge)

I/4: Die Regierung Seiner Majestät verkündet jetzt unzweideutig, daß es nicht ihre Politik ist, aus Palästina einen jüdischen Staat werden zu lassen.
I/10/1: Das Ziel der Regierung seiner Majestät ist die Errichtung eines unabhängigen Palästina-Staates innerhalb von zehn Jahren, der Vertragsbeziehungen mit dem Vereinigten Königreich in der Weise hat, daß die wirtschaftlichen und strategischen Interessen beider Länder berück-sichtigt werden.
I/10/2: In dem unabhängigen Staat sollen Araber und Juden gemeinsam in der Weise regie-ren, daß die wesentlichen Interessen jeder Gemeinschaft gesichert sind.
II/13/1: Die jüdische Einwanderung wird in den nächsten fünf Jahren so geregelt, daß die Zahl der jüdischen Einwanderer ungefähr ein Drittel der Gesamtbevölkerung des Landes erreicht - vorausgesetzt die wirtschaftliche Aufnahmefähigkeit des Landes erlaubt dies […] Vom April dieses Jahres an werden innerhalb der nächsten fünf Jahre 75000 Einwanderer zugelassen.
II/13/3: Nach fünf Jahren wird keine jüdische Einwanderung mehr gestattet, es sei denn, die Araber Palästinas wären hierzu bereit.
II/13/4: Die Regierung Seiner Majestät ist entschlossen, die illegale Einwanderung zu verhin-dern.
III/16: Der Hochkommissar erhält Vollmachten, den Landverkauf zu verbieten und zu steuern.


Die Geschichte des jüdischen Staates

Der Staat Israel wurde 1948 als Heimstatt für die weltweit verstreut lebenden Juden gegrün-det. Er wurde insbesondere zum Fluchtpunkt für die Überlebenden des Holocaust sowie für andere bedrängte und verfolgte Juden. Seit seiner Staatsgründung war Israel durch seine arabischen Nachbarn bedroht. Lange Zeit empfanden die Araber, die arabischen Funda-mentalisten tun dies noch heute, den Staat Israel als "Pfahl im Fleische" der arabischen Natio-nen.

Die Ablehnung Israels resultiert aus der Überzeugung, die Araber müßten letztlich die Folgen der nationalsozialistischen Verbrechen an den europäischen Juden tragen, weil erst nach dem Holocaust auf dem von arabischer Seite beanspruchten Gebiet Palästina den Juden die Errichtung eines eigenen Staates ermöglicht wurde.

Ein ruhiger Staatsaufbau wurde durch ständige kriegerische Auseinandersetzungen behin-dert. Fünf Kriege mit den arabischen Nachbarstaaten und den Palästinensern (1948 Unab-hängigkeitskrieg, 1956 Suez-Krise, 1967 Sechs-Tage-Krieg, 1973 Jom-Kippur-Krieg, 1982 Liba-non-Feldzug) und der Kampf gegen die Intifada, den Aufstand der Palästinenser von Dezem-ber 1987 bis 1993, wurden bis heute geführt. Dazwischen lagen zwar Phasen relativer Ruhe, die aber immer wieder durch Terroraktionen und daraus folgende israelische Vergeltungs-schläge gegen die Stützpunkte arabisch-palästinensischer Kommandos unterbrochen wur-den. Diese permanente Kriegssituation, die Angst vor Terror und Gewalt, haben neben dem Holocaust das Bewußtsein der israelischen Gesellschaft geprägt: Es entstand ein umfassendes Sicherheitstrauma. Diese ständige Bedrohung hat in der Bevölkerung unterschwellig die Furcht vor einer erneuten Vernichtung entstehen lassen. Dies gilt es zu bedenken, bei aller Kritik an der manchmal starren und rigiden Vorgehens- und Verhaltensweise israelischer Poli-tik.

Israels Kriege

1948 Unabhängigkeitskrieg

Am 15.5.1948, also ein Tag nach der Proklamation des Staates Israel, marschieren Armeen aus fünf arabischen Staaten (Ägypten, Irak, Libanon, Syrien und Transjordanien) in Israel ein und rufen zum jihad ("heiliger Krieg") auf. Ihr Ziel ist es "die Juden ins Meer zu werfen" und inner-halb von zwei Wochen in Tel Aviv einzumarschieren. Nach geringen Landverlusten von Israel setzte die UN am 11.6.1948 einen Waffenstillstand durch, der bis zum 9.7. hielt. In dieser Zeit kann sich die israelische Armee erholen, während die arabische Allianz langsam bröckelt.

Im weiteren Verlauf des Unabhängigkeitskrieges von 1948 festigte der junge jüdische Staat gegen einen zahlenmäßig weit überlegenen Gegner seine Position. Am Ende der Kampf-handlungen sah sich Israel im Besitz eines Gebietes, das vor allem in Galiläa und z.T. auch im Zentrum des Landes erheblich größer war als es der UN-Teilungsplan von 1947 vorsah. Die meisten arabischen Bewohner waren aus diesen Gebieten geflohen. Dies geschah teils infol-ge arabischer Aufrufe, teils unter direktem israelischem Druck, teils in Panik angesichts des Terrors extremistischer jüdischer Organisationen. Die Flüchtlinge wurden von den arabischen Nachbarländern nicht eingegliedert, sondern dauerhaft in Lagern untergebracht. Aus diesen Unterkünften rekrutierten später arabisch-palästinensische Guerillaverbände mit der Dachor-ganisation PLO ihre Kampfeinheiten. Insgesamt verloren 725000 Araber im Unabhängigkeits-krieg durch Flucht oder Vertreibung ihre bisherige Heimat. 360 ehemals arabische Dörfer wur-den von der israelischen Armee gesprengt, die Ländereien gehen an neu gegründete Kibbu-zim.

Der Waffenstillstand 1949 zwischen Israel und den arabischen Konfliktstaaten hatte für Israel ungünstige Grenzen zur Folge. Jerusalem wurde in einen West- und einen Ostsektor geteilt. Tel Aviv lag nur 18 Kilometer von den ersten jordanischen Militärposten entfernt. Dem Waffenstill-stand folgte kein Friedensschluß. Die arabischen Staaten lehnten direkte Verhandlungen und die Anerkennung Israels ab. Statt dessen duldeten sie einen Kleinkrieg bewaffneter Banden an Israels Grenzen. Die Gründung eines arabischen Staates in Palästina wurde ebenfalls strikt abgelehnt, weil darin eine Anerkennung der Teilung Palästinas (wie 1947 von der UN vorge-sehen) gelegen hätte. Das Westjordanland wurde von Transjordanien annektiert, das Ge-samtgebiet hieß nun Jordanien. Der Gazastreifen kam unter ägyptische Verwaltung, wurde aber nicht von Ägypten annektiert.

1956 Suez-Krise

Die erste Aufbauphase Israels wurde von schweren Sicherheitsproblemen überschattet. Der Waffenstillstand war mehr als brüchig; immer wieder fielen Terrorkommandos aus arabischen Nachbarländern nach Israel ein.

Mit der Revolution ägyptischer Offiziere am 23. Juli 1952, die König Farouk absetzten und nach kurzer Zeit Gamal Abdul Nasser an die Macht brachten, verschärfte sich die Lage im Nahen Osten erheblich. 1955 näherte sich das von Nasser regierte Ägypten dem Ostblock an, was noch im selben Jahr zu einem umfangreichen Waffenlieferungsvertrag mit der Tschecho-slowakei führte. Als die USA diesen Schritt 1956 mit der Verweigerung einer Anleihe für die Errichtung des Assuan-Staudamms beantworteten, verstaatlichte Nasser den Suezkanal. Die-ser Beschluß stellte eine direkte Herausforderung von Großbritannien und Frankreich dar, den Hauptteilhabern der Suezkanal-Gesellschaft.

Ägypten verhängte neben der Blockade der Straße von Tiran am Ausgang des Golfes von Akaba zum Roten Meer die Sperrung des Suezkanals für israelische und nach Israel fahrende Schiffe. Zug um Zug wurde die Halbinsel Sinai in ein ägyptisches Militärlager verwandelt. Ein Dreierbündnis zwischen Ägypten, Syrien und Jordanien verstärkte im Oktober 1956 die unmit-telbare Bedrohung Israels. Am 29. Oktober 1956 antwortete Israel nach geheimen Abspra-chen mit Großbritannien und Frankreich, die gleichzeitig Truppen am Suezkanal landeten, mit dem präventiven Einmarsch in den Sinai und den Gazastreifen. In einem acht Tage dauern-den Feldzug eroberten die israelischen Streitkräfte unter Moshe Dayan den Gazastreifen und die Halbinsel Sinai, dabei überschritten sie bis zu 16 km den Suezkanal. Ein gleichzeitiges Ulti-matum des amerikanischen Präsidenten Eisenhower und des sowjetischen Ministerpräsiden-ten Bulganin zwang Israel, sich in mehreren Etappen bis März 1957 aus den eroberten Gebie-ten zurückzuziehen. Der Beschluß, UN-Friedenstruppen entlang der ägyptisch-israelischen Grenze zu stationieren, und die Zusicherung Kairos, die freie Durchfahrt durch den Golf von Akaba zu garantieren, erleichterten Israel diese Entscheidung.

In seinem zweiten Jahrzehnt nach Staatsgründung bemühte sich der jüdische Staat um den Ausbau seiner diplomatischen Beziehungen zum Ausland. Enge Beziehungen bestanden in dieser Zeit vor allem zu den USA, den Ländern des britischen Commonwealth, den meisten westeuropäischen sowie fast allen lateinamerikanischen und afrikanischen Staaten. Im Jahr 1965 nahm Israel volle diplomatische Beziehungen zur Bundesrepublik Deutschland auf. Dieser Schritt war in Israel angesichts der Leiden der Juden unter dem Naziregime lange hinausge-zögert worden und kam erst nach kontroverser, erbittert geführter öffentlicher Diskussion zu-stande.

Doch die Aussicht auf ein Jahrzehnt relativer Ruhe wurde bald verdunkelt durch erneut dro-hende Kriegsgefahr. Von Ägypten und Jordanien aus infiltrierten arabische Terrorkommandos Israel. Von den syrischen Golanhöhen feuerte die Artillerie auf die landwirtschaftlichen Sied-lungen in Nordgaliläa, und eine massive Aufrüstung der arabischen Nachbarstaaten beunru-higte Israels Militärstrategen. Auf die Terroranschläge palästinensischer Kommandos antwor-tete die israelische Armee mit zum Teil weit ins feindliche Territorium (Gazastreifen, Westjordanland) hineingetragenen Vergeltungsschlägen.

Im Mai 1967 zog Ägypten massive Truppenkontingente auf dem Sinai zusammen. Der ägypti-sche Präsident Nasser, nun der unbestrittene Führer der arabischen Welt gegenüber West und Ost, forderte vom damaligen UN-Generalsekretär Sithu U Thant den Abzug der die Grenze zu Israel überwachenden UN-Truppen, sperrte erneut die für Israels Wirtschaft lebenswichtige Zufahrt zum Hafen von Eilat und zog nach Bündnissen mit Syrien und Jordanien Truppen an Israels Grenzen zusammen. Israel war von angriffsbereiten arabischen Armeen eingekreist. Diplomatische Bemühungen zur Beilegung der Krise mißlangen.

1967 Sechs-Tage-Krieg

Am 5. Juni 1967 führte Israel einen Präventivschlag gegen Ägypten durch. Israels Versuche, noch am selben Tag König Hussein zu überzeugen, sich nicht dem Krieg anzuschließen, schei-terten. Erst am fünften Tag griff Israel das syrische Militär auf den Golanhöhen an. Im soge-nannten Sechs-Tage-Krieg besetzten israelische Truppen die ganze Sinaihalbinsel, den Gaza-streifen, das Westjordanland, Ost-Jerusalem und die syrischen Golanhöhen.

Die Folgen dieses Krieges veränderten die geopolitische Landschaft des Nahen Ostens schlagartig. Die Jahre nach der Staatsgründung hatten Israel in einer geographisch sehr ver-wundbaren Lage gesehen. Das änderte sich erst durch die Eroberungen im Sechs-Tage-Krieg. Denn dieser dritte Nahost-Krieg brachte für Israel jene strategische Tiefe des Raumes, die das Risiko eines bewaffneten Angriffs seiner feindlichen arabischen Nachbarn erheblich vergrö-ßerte. Der Sechs-Tage-Krieg verschärfte das Palästinenser-Problem für Israel. Denn Hundert-tausende Palästinenser kamen im Westjordanland, in Jerusalem und im Gazastreifen nun un-ter israelische Besatzung und Militärverwaltung. Das Palästinenserproblem, wie es uns heute begegnet, war entstanden, und seither entwickelte sich die Frage nach einer Lösung dieses Komplexes immer mehr zur eigentlichen Nahostproblematik.

Die größte diplomatische Herausforderung für Israel war nach dem durch die UN vermittelten Waffenstillstand die Umsetzung militärischer Erfolge und Landgewinne in einen dauerhaften Frieden auf der Basis der UN-Sicherheitsresolution 242. Diese Entschließung forderte unter an-derem das Recht aller Staaten der Region, "innerhalb sicherer und anerkannter Grenzen in Frieden und Freiheit von Drohung und Gewalt zu leben".

Israel akzeptierte die Resolution zwar, bestand jedoch aus Sicherheitsgründen auf Grenzkor-rekturen. Dagegen stand die schroffe Ablehnung durch die Gipfelkonferenz der arabischen Staaten im August 1967 in der sudanesischen Hauptstadt Khartum. Dort wurde die künftige Politik gegenüber Israel formuliert: "Kein Frieden mit Israel, keine Verhandlungen mit Israel, keine Anerkennung Israels." Diesen Worten folgten schon bald Taten. Im September 1968 be-gann Ägypten einen Zermürbungskrieg am Suezkanal gegen die dort stationierten israeli-schen Truppen. Sporadische Militäraktionen eskalierten nach und nach zu heftigen Gefech-ten mit hohen Verlusten auf beiden Seiten. Im August 1970 endete die Konfrontation, als Israel und Ägypten einem erneuten Waffenstillstand am Suezkanal zustimmten, den der US-Außenminister William Rogers vermittelte.

Krieg in Jordanien

Im September 1970 stieg die Spannung im Nahen Osten mit der Entführung von fünf internati-onalen Passagierflugzeugen durch zu der PLO gehörende Terroristengruppen. Ein amerikani-scher Jumbo-Jet wurde auf dem Flughafen von Kairo ohne Passagiere in die Luft gesprengt; vier weitere Flugzeuge wurden in Jordanien zur Landung gezwungen und zerstört. Nachdem Fatah-Einheiten der PLO schon über zwei Jahre die jordanischen Dörfer im Jordantal be-herrschten, von wo sie fast jeden Tag Israel angriffen, bedeuteten diese Entführungsaktionen der PLO eine zusätzliche Herausforderung der Autorität des Königs Hussein. Auf seinenBefehl kämpfte das jordanische Militär in den folgenden Tagen erbarmungslos die Fatah-Einheiten im ganzen Land nieder. Über hundert Fatahkämpfer zogen es vor, über den seichten Jor-danfluß zu fliehen und sich dem israelischen Militär zu ergeben.

Ein Versuch Syriens, Arafat zu Hilfe zu kommen, scheiterte in einer Panzerschlacht bei Ramla im Norden Jordaniens. Eine von Nasser einberufene Versöhnungskonferenz der Arabischen Liga in Kairo beschloß, daß Arafat mit seinen mehreren tausend Anhängern Jordanien verlas-sen mußte und sich im Libanon niederlassen sollte.

Während der Konferenz erlag Nasser einem Herzanfall, und zur allgemeinen Überraschung wurde der wenig bekannte Anwar al Sadat sein Nachfolger. Israel war nicht sicher, ob Sadat den erneuten Waffenstillstand am Suezkanal respektieren würde, der für drei Monate verein-bart worden war. Um die Suezkanalfront auf die Dauer zu sichern, schlug der damalige Ver-teidigungsminister Mosche Dayan vor, daß Israel sich zu einem einseitigen Rückzug auf 10 bis 15 km vor der befestigten Bar-Lev-Linie am Suezkanal bereit erklären sollte. Als Gegenleistung sollte Ägypten den Suezkanal von Schiffswracks räumen und erneut für die internationale Schiffahrt öffnen. Gleichzeitig sollten auch die im Zermürbungskrieg zerstörten Städte Port Said, Ismailiya und Suez wieder aufgebaut werden.

Washington vermittelte diesen informellen Vorschlag Dayans, der nicht die volle Zustimmung des Kabinetts der Ministerpräsidentin Golda Meir hatte. Nachdem Präsident Sadat im Februar 1971 dieselbe Idee im Parlament in Kairo als einen ägyptischen Vorschlag bekannt machte, versuchten US-Außenminister Rogers und sein Nahost-Experte Joseph Sisco in der ersten direk-ten "Pendeldiplomatie" zwischen Kairo und Jerusalem im Mai 1971 dieses Konzept zu verwirkli-chen. Doch die Mehrheit der Golda Meir-Regierung zeigte sich nicht bereit, Dayans Vor-schlag zu folgen. Die Verwirklichung dieser Idee hätte vielleicht den Jom-Kippur-Krieg 1973 vermeiden können.

1973 Jom-Kippur-Krieg

Am 6. Oktober 1973, am Jom Kippur (Versöhnungstag, höchster Feiertag des jüdischen Jah-res), starteten Ägypten am Suezkanal und Syrien auf den Golanhöhen einen koordinierten Überraschungsangriff gegen Israel. Der Jom-Kippur-Krieg dauerte drei Wochen. Trotz der An-fangserfolge der arabischen Armeen konnten die israelischen Streitkräfte in erbitterten Kämp-fen die Oberhand gewinnen und über den Suezkanal nach Ägypten und im Norden bis 32 Kilometer vor Damaskus vorstoßen.

Durch Vermittlung des damaligen US-Außenministers Henry Kissinger schlossen Israel und Ä-gypten 1974 und 1975 zwei Truppenentflechtungs-Abkommen, die einenTeilrückzug Israels von der Sinaihalbinsel vorsahen. Kissinger vermittelte auch ein syrisch-israelisches Abkommen über eine Truppenentflechtung an der Golanfront. Mit dieser politischen Initiative der USA war zugleich eine Stärkung ihrer Position in der Nahostregion - auch im arabischen Lager - ver-bunden. Kissinger gelang es, durch seine Vermittlung, den immer noch großen Einfluß der Sowjetunion im arabischen Raum zurückzudrängen.

Der Oktoberkrieg von 1973 dokumentierte, besonders in der zu Beginn der Kämpfe für Israel kritischen Situation, erneut den Selbstbehauptungswillen des jüdischen Staates, zeigte ande-rerseits Israel aber auch die Grenzen seiner militärischen Macht auf. Der Ausgang des vierten Nahost-Krieges ebnete den Weg für eine Neuorientierung nahöstlicher Politik. Dies galt be-sonders für Israels Schutzmacht, die USA, die einerseits Israel zu einer flexibleren Haltung ge-genüber den Arabern drängten, andererseits aber auch gemäßigte arabische Staaten wie Ägypten und Jordanien von der Notwendigkeit einer Anerkennung Israels überzeugten.

1982 Libanon-Feldzug

Im Norden des Landes war Israel seit 1970 zunehmenden Terroraktionen durch die PLO ausge-setzt, die sich im Südlibanon eine Operationsbasis geschaffen hatte. Bereits 1978 eroberte Israel im Südlibanon eine sogenannte "Sicherheitszone", die den Nordteil Israels vor Terroran-griffen verhältnismäßig sicher machte. Ein von den USA vermitteltes, informelles Einverständnis zwischen Israel und der PLO verminderte zudem noch die Angriffe palästinensischer Kom-mandos. Allerdings versuchte die PLO jetzt, größere Militäreinheiten im Südlibanon zu statio-nieren.Dieses Vorgehen und den Anschlag einer radikalen PLO-Gruppe auf den israelischen Botschafter in London nahm Israels damaliger Verteidigungsminister Ariel Scharon zum Anlaß für einen großangelegten militärischen Vorstoß in den Libanon am 6. Juni 1982.

Dabei stießen israelische Truppen bis nach Beirut vor. Sie zerschlugen das Potential und die militärische Infrastruktur der PLO im Libanon und zwangen die palästinensischen Kämpfer zum Abzug aus Beirut. Aber erstmals in der Geschichte der Nahostkriege fand eine Militäraktion der israelischen Armee nicht den ungeteilten Beifall der eigenen Bevölkerung. Im Gegenteil, Hunderttausende gingen in Tel Aviv auf die Straße, protestierten und forderten den Rückzug aus dem Libanon. Damit gaben sie der "Frieden-Jetzt-Bewegung", die nach Sadats Besuch in Jerusalem im Frühjahr 1978 gegründet worden war, neue Impulse.

Je länger die Stationierung der Truppen im Libanon dauerte, desto größer wurden die tägli-chen Verluste der israelischen Armee. Die Soldaten gerieten immer wieder in Hinterhalte, ins-besondere der schiitischen Hisbollah-Miliz (Hisbollah bedeutet Partei Gottes). Zunehmend ver-stärkte sich auch im Innern Israels die Kritik.

Nach Bildung der Großen Koalition von Likud und Arbeitspartei im September 1984 unter Pre-mierminister Schimon Peres zog sich Israels Armee im Laufe des Jahres 1985 aus dem größten Teil des Libanon zurück.Sie behielt aber die Kontrolle über einen schmalen Streifen im Südliba-non.Diese sogenannte "Sicherheitszone" sollte als Puffer gegenAngriffe terroristischer Kom-mandos auf den Norden Israels dienen. In der "Sicherheitszone" wurde die israelische Armee von der SLA (Südlibanesischen Armee) unterstützt.Dabei handelt es sich um eine 1978 vom Zentralkommando der libanesischen Streitkräfte in Beirut abgespaltene Miliztruppe, deren Kader aus Christen, libanesischen Sunniten und Schiiten besteht. Die SLA wird von Israel aus-gerüstet, finanziert und trainiert. Grundsätzlich bewährte sich dieses Sicherheitskonzept. Den-noch kam es auch nach Etablierung der Sicherheitszone immer wieder zu Raketenbeschuß auf israelische Städte und Dörfer im Norden des Landes durch die pro-iranische schiitische Terrororganisation Hisbollah.

Hisbollah

Die Hisbollah ist 1982 mit massiver Hilfe der iranischen Regierung in der Absicht aufgebaut worden, im Libanon einen islamischen Staat nach dem Vorbild des Iran zu errichten. Dane-ben hat sie sich zum Ziel gesetzt, den Kampf gegen den jüdischen Staat vom Süden des Li-banon aus zu forcieren. Nach der Vertreibung der PLO-Kämpfer aus dem Libanon im Sommer 1982 durch die israelische Armee füllte die Hisbollah dieses Vakuum und profilierte sich mit iranischer, aber auch syrischer Hilfe zum schärfsten Widersacher Israels an dessen Nordgrenze.
Solange nicht eine Friedenslösung auch mit dem instabilen libanesischen Regime erreicht ist, bleibt die Situation im israelisch-libanesischen Grenzgebiet gespannt. Eine solche Friedensre-gelung ist aber ohne die Zustimmung Syriens nicht zu erreichen, denn Damaskus kontrolliert den Libanon politisch und hat zudem 40000 Soldaten in diesem Land stationiert. Nur das Re-gime in Damaskus kann die Terrorüberfälle radikaler schiitischer und palästinensischer Kom-mandos gegen Israel von libanesischem Boden aus unterbinden. Dies würde sofort gesche-hen, wenn zwischen Israel und Syrien eine Einigung über die von Israel besetzten Golan-Höhen erzielt würde. Syrien als Schutzmacht der Hisbollah im Libanon und als "Gastgeber" radikaler Palästinensergruppen in Damaskus könnte nach einem Friedensschluß mit Israel sei-ne Rolle als Protektor von Terrorgruppen und Friedensstörern nicht mehr aufrechterhalten.

Golfkrieg

In den durch die Besetzung Kuwaits durch irakische Truppen (August 1990 bis Februar 1991) ausgelösten zweiten Golfkrieg ließ sich Israel nicht hineinziehen. Diese Haltung verriet politi-sches Augenmaß. Die Zurückhaltung der israelischen Regierung unter dem damaligen Minis-terpräsidenten Jitzchak Schamir hing damit zusammen, daß das Bündnis westlicher Staaten mit arabischen Streitkräften (Syrien, Ägypten, Saudi-Arabien) gegen Saddam Hussein nicht gefährdet werden sollte. Außerdem übten die Vereinigten Staaten massiven Druck auf Israel aus.

Die im Verlauf des Krieges vom Irak aus abgeschossenen Scud-Raketen auf Israel, besonders auf Tel Aviv und Umgebung, lösten trotz ihrer geringen militärischen Auswirkung bei vielen Menschen in Israel - vor allem bei Überlebenden des Holocaust - traumatische Erinnerungen aus, da Saddam Hussein vorher bereits mehrfach Israel mit Giftgasangriffen gedroht hatte. Zu diesem psychischen Schock kam, daß zum erstenmal bei einer kriegerischen Auseinanderset-zung sich die Front mitten in Israel befand.

Auch wenn die Scud-Raketen nicht mit Giftgas bestückt waren, kam es zu einer erheblichen Verstimmung in Israel über Deutschland, da deutsche Firmen an der Aufrüstung des Irak und an der Giftgasentwicklung beteiligt gewesen waren. Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher sah sich deshalb noch während des Krieges zu einem Besuch Israels veranlaßt, und Bundeskanzler Helmut Kohl gab vor dem Bundestag am 30. Januar 1991 eine Solidaritätserklä-rung für Israel ab.